In memoriam: Gerard Endenburg (1933-2025)
Gerard Endenburg war ein Techniker, der sich auch mit sozialen Prozessen beschäftigte. «Wenn man den Menschen nicht zuhört», so stellte er fest, «kommt es zu einem Kurzschluss in der Zusammenarbeit». Um die Ausgrenzung von Menschen zu verhindern, entwickelte er die soziokratische Methode.

Gerard Endenburg in jungen und in späten Jahren
Wie kommt es, dass der Mond oben am Himmel bleibt? Das war eine der vielen Fragen, die der kleine Gerard Endenburg seinen Eltern stellte. Er fragte ständig: Warum ist das so, wie funktioniert das? Ihm zu sagen, was er tun sollte, ohne dass er verstand, warum, das ging gar nicht.
Das bemerkte seine Großmutter. Sie befahl dem kleinen Gerard, der damals vier Jahre alt war: Geh draußen spielen. Er war wütend. «Dass jemand einfach entschied, was ein anderer zu tun hatte», sagte er darüber 1996 gegenüber einer grossen niederländischen Zeitung.
Die soziokratische Kreisorganisationsmethode (SKM), die er später entwickeln sollte, schränkt diese Art von Übermacht ein. Dank des Konsents, über den später mehr gesagt wird, kann niemandes Meinung übergangen werden. Mit der Soziokratie hatte der kleine Denker von damals eine Methode entwickelt, bei der niemand mehr einem anderen einfach so Vorschriften machen konnte.
Als kleiner Junge immer unterwegs
Gerard Endenburg wird 1933 in Rotterdam geboren. Das Ehepaar Endenburg setzt sich für eine bessere Welt ein. Sie sind immer unterwegs, Gerard begleitet sie. Wenn sie zu Hause sind, sind immer Leute zu Besuch; es ist kein traditionelles Familienleben. Nach dem Krieg wollen seine Eltern ihr Ideal, eine gerechtere Verteilung des Wohlstands, selbst in die Praxis umsetzen. Sie gründen ein Unternehmen für Unterhaltungselektronik und wandeln es in ein Elektrotechnikunternehmen für den Geschäftsmarkt um.
«Ich habe mich eingeschlossen, um nachzudenken»
1958 tritt Endenburg nach einem Ingenieurstudium der Elektrotechnik in das Unternehmen ein, zehn Jahre später wird er Geschäftsführer. Aber was bedeutet es, ein Unternehmen zu leiten? «Ich habe mich eingeschlossen, um nachzudenken», sagt er damals. «Was ist ein Unternehmen, worüber spricht man da, was ist wichtig? Ich kam zu dem Ergebnis, dass es sich um eine Frage der Steuerung handelte. Wie Macht funktioniert, ist entscheidend für das Verhalten der Menschen. Um Macht zu steuern, entwickelte ich die soziokratische Kreisorganisationsmethode.»
Werkplaats Kindergemeenschap (Kindergemeinschaftswerkstatt)
Der junge Gerard kommt in der Werkplaats Kindergemeenschap des Gesellschaftsreformers Kees Boeke in Bilthoven mit Soziokratie und Konsens in Berührung. Seine Eltern schicken ihn 1941 dorthin zur Schule, weil sie der Meinung sind, dass die traditionelle Bildung nicht zu ihrem nachdenklichen Sohn passt. Die Werkplaats funktioniert nach den Gleichheitsprinzipien der Quäker. Die «Arbeiter», wie die Schüler:innen genannt werden, sind den «Mitarbeitern», den Lehrer:innen, gleichgestellt. Die Arbeiter werden ernst genommen und erhalten Verantwortung. «Wenn man einen Tisch brauchte, suchte man sich Bretter und begann zu zimmern», erzählte Endenburg einmal.
Gleichberechtigung bei der Entscheidungsfindung ist eines der vier Basisprinzipien
Aus den Ideen von Kees Boeke und Prinzipien aus der Kybernetik entwickelt Endenburg die soziokratische Kreisorganisationsmethode (SKM). Zunächst tut er dies für das Unternehmen, dessen Geschäftsführer er ist, Endenburg Elektrotechniek. Dort zeigt sich: Diese Gleichberechtigung führt zu einem anderen Verhalten. Wenn man mitentscheidet und mitverantwortlich ist, ist man stärker involviert und verhält sich auch verantwortungsbewusster (mit Endenburgs Worten: «Struktur bestimmt Verhalten»). Darüber hinaus bietet die Methode Möglichkeiten, Organisationen flexibel zu gestalten, mit einer Struktur von sowohl top-down als auch bottom-up verbundenen Kreisen, sodass sie schneller auf Veränderungen reagieren können.
Ein Ende der Machtkämpfe
«Gerards Methode beendet den ewigen Machtkampf: Wer ist hier der Chef, wessen Willen werden wir befolgen?», sagt Pieter van der Meché, der derzeitige Direktor des Büros in den Niederlanden, das Endenburg gegründet hat. «Und das Engagement, das man organisiert, ist skalierbar. Mit hundert Menschen Zustimmung für einen Vorschlag zu erreichen, ist kompliziert, aber durch die Kreisorganisation und die doppelte Verknüpfung wird es überschaubar.»
Auch aus diesem Grund arbeiten beispielsweise jetzt schon Dutzende der fast 80 Hebammenverbände in ganz Holland mit Soziokratie: Dank der Kreisstruktur haben ihre Mitglieder, die manchmal aus Hunderten von Mitarbeitenden bestehen, einen Platz in der Organisation und in der Entscheidungsfindung.
«Soziokratie spart viel Zeit, Streit und Geld»
Eric Hallensleben, Gynäkologe im Ruhestand, lernte 2011 die Soziokratie kennen. «In der Geburtshilfe gibt es sehr große Akteure wie Krankenhäuser und sehr kleine wie Ein-Personen-Hebammenpraxen», sagt er. «Nur mit Soziokratie kann man sich einigen, das haben wir in den letzten Jahren in der Praxis festgestellt. Andernfalls will der eine Akteur seinen Willen auf Kosten des anderen durchsetzen.
Mit Soziokratie regelt man die Gleichberechtigung der Parteien ganz klar. Das spart viel Zeit, Streit und Geld. Auch auf nationaler Ebene arbeiten die Berufsgruppen nun auf der Grundlage dieser Form der Gleichberechtigung zusammen.»
Nicht nur theoretisch: Das eigene Unternehmen als Versuchsfeld
In den Anfangsjahren von Endenburgs soziokratischem Modell ist Endenburg Elektrotechniek das Versuchsfeld. Nicht alle sind begeistert. Die Mitarbeitenden sprechen vom «Spielzeug des Chefs» und kommen nicht immer zu den Kreisversammlungen, in denen mit Konsent die Politik festgelegt wird. Doch das muss auch nicht sein, denn man kommt, wenn man es für wichtig genug hält. Wenn das Vergütungsmodell auf der Tagesordnung steht, ist die Beteiligung plötzlich hoch.
1976 übersteht das Unternehmen die Ölkrise durch die Anwendung der soziokratischen Methode: Dank der hervorragenden Bottom-up-Kommunikation über die doppelte Kopplung landet eine goldene Idee aus der Belegschaft in kürzester Zeit auf dem Tisch der Unternehmensleitung.
Soziokratie und Mitbestimmung passen perfekt zusammen
Endenburg gründet in Rotterdam das erste soziokratische Büro, um anderen Organisationen dabei zu helfen, sich diese Arbeitsweise anzueignen. Sein Ansatz passt zum Zeitgeist: Es ist 1978, die Zeit der Mitbestimmung, der antiautoritären Ansichten, auch am Arbeitsplatz.
Kund:innen findet er bei Vorträgen, die er in Hotelräumen hält. Ein Unternehmen in der Fleischindustrie, eine Organisation in der Behindertenbetreuung. Am Ausbildungsinstitut der Polizei hält Endenburg jahrelang Vorträge an Fortbildungstagen.
In den 70er und 80er Jahren berichten in- und ausländische Medien regelmäßig über Soziokratie. Die Zeitung NRC Handelsblad spricht von einem «Entwurf für eine neue Gesellschaft».
Es gibt Kontakte zur Gewerkschaftsbewegung. Wil Albeda, Minister für Soziales, wird Mitglied des Topkreises (eine soziokratische Form des Verwaltungsrates) des Büros und bezeichnet Soziokratie als «den logischen Schritt nach der Demokratie». Endenburg ist regelmäßig im Ausland (USA, Kanada, Pakistan, Indien) unterwegs, um Vorträge zu halten, Organisationen zu beraten und zu begleiten. Die wissenschaftliche Grundlage seiner Methode liefert er 1992 in seiner Dissertation «Sociocratie als sociaal ontwerp» (Soziokratie als soziales Konzept).
1998 wurde er ausserordentlicher Professor in Maastricht, wo er unter anderem Abschlusskreise einführte. Dort bewerten die Studierenden gegenseitig ihre Abschlussarbeiten – und das sehr streng.
«Die Angst vor der Beurteilung durch den Chef ist gross»
Für Endenburg sind die vier Basisprinzipien glasklar. Aber in Organisationen, die mit dieser Methode arbeiten, verwässern sie sich oft wieder. Annewiek Reijmer, die 1986 zum niederländichen Soziokratiebüro kam und 2008 Endenburg als Direktorin nachfolgte: «Gerard dachte: Dann brauchen die Leute mehr Schulung. Also hat er das auf die Beine gestellt. Später erkannte er dann: Es liegt an der Konditionierung der Menschen. Das Denken in Gegensätzen, «entweder-oder» statt «sowohl-als-auch», die Angst, zu sagen, was man denkt, die Angst vor der Beurteilung durch den Chef: Das ist einfach sehr stark.»
Und jetzt die Gesellschaft
2008 tritt Endenburg als Direktor des Soziokratischen Büros, er ist dann 75 Jahre alt. Aber er kommt weiterhin jeden Tag ins Büro. «Ich dachte, ich wäre mit der Entwicklung schon ziemlich weit gekommen», sagt er 2010 in der Zeitschrift Safe, «aber dann kam die Frage: Und wie organisiert man dann die Gesellschaft?» Er möchte nun «eine gute Struktur für die Gesellschaft schaffen», sagt er. 2017 veröffentlicht er die Ergebnisse dieses Projekts: Zusammenleben durch die soziokratische Kreisorganisation.
Er sieht sich selbst in den späteren Jahren eher als Gesellschaftsreformer denn als Organisationsreformer, so Reijmer. Seine Gerard Endenburg Foundation (GEF) finanziert Initiativen, die Gleichberechtigung fördern und Machtstrukturen verändern. Als ihm das Lesen im hohen Alter schwerfällt, liest Reijmer ihm «Eine kurze Geschichte der Gleichheit» von Thomas Piketty vor. «Das fand er unglaublich interessant.»
Das Vermächtnis
Und jetzt? Was ist das Vermächtnis von Gerard Endenburg?
Organisationen auf der ganzen Welt wenden diese Methode an. Pieter van der Meché, der derzeitige Direktor des niederländischen Büros: «Tausende von Menschen haben mit Soziokratie in ihrer Familie, ihrem Sportverein, ihrer Arbeit experimentiert. Der niederländische Sozial- und Wirtschaftsrat (SER) ist der Ansicht, dass die soziokratischen Mitbestimmungsbefugnisse der Mitarbeiter so weit gehen, dass er Organisationen, die mit SKM arbeiten, von der Verpflichtung zur Einrichtung eines Betriebsrats/Personalvertretung befreit.»
Auch Schulen arbeiten damit in der Grund- und Sekundarstufe, selbst die Bewegung Extinction Rebellion, die sich unter anderem für die Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe durch die niederländische Regierung einsetzt, ist soziokratisch organisiert, und viele Genossenschaften (unter anderem für Wohnen und Lebensmittelversorgung) nutzen Soziokratie, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen und die Sitzungszeit zu begrenzen.
Gerard Endenburg selbst initiierte auch die Gründung der «The Sociocracy Group (TSG)». Dabei handelt es sich um ein weltweites soziokratisches Unternehmen, in dem die Arbeit aus den Büros in den Niederlanden, Frankreich, Kanada, Spanien und der Schweiz koordiniert wird. Neben der Ursprungsorganisation gibt es inzwischen weltweit Dutzende Anbieter von Soziokratie (Soziokratie ist unter anderem auch die Inspiration für Holokratie).



