Eine gute Moderation kann den Unterschied zwischen einer frustrierenden und einer grandiosen Sitzung bewirken. Die Gesprächsleitung ist essentiell dafür, als Gruppe einen sicheren und kreativen Raum zu schaffen, um gut zusammenzuarbeiten und die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Konträr zu den klassischen Anordnungen ist die Moderation im soziokratischen Modell nicht die Leitung des Kreises. Während die Leitung die Ziele und Aufgaben des Kreises im Blick hat, ist die Moderation dafür zuständig, die Sitzung und vor allem die gemeinsame Entscheidungsfindung im Konsent zu ermöglichen. Dabei geht sie in 3 Phasen vor: Bildformung – Meinungsbildung – Konsent. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass zuerst alle benötigten Informationen auf dem Tisch liegen, bevor Meinungen geäussert werden und die verschiedenen Sichtweisen miteinander in Verbindung gebracht werden (doch dazu mehr in Teil II).

Die wichtigste Grundempfehlung ist jedoch das Sprechen im Kreis: Bei allen Grundsatzentscheidungen gibt es Runden, in denen alle der Reihe nach ihre Meinung sagen können. Es ist beeindruckend, wie schnell sich die Dynamik der Gruppe durch diese einfache Methode verändert. Weil alle das Vertrauen haben, an die Reihe zu kommen, kommt es zu einer spürbar anderen Atmosphäre. Plötzlich bringen neue Stimmen wertvolle Inputs, die vorher vielleicht aus Schüchternheit selten zu hören waren. Und auch «Debatten-Ping-Pong» zwischen 2 Personen wird seltener. Während der Runden beginnen die Leute, ihre Meinungen anzupassen und sich mehr aufeinander zu beziehen. Man hat Zeit, über anderen Standpunkte nachzudenken, statt reflexhaft in Widerspruch zu gehen. Die Sicherheit, gehört zu werden, macht kooperativer.

Trotz der klaren Struktur, an der sich die soziokratische Moderation orientiert, kann es am Anfang eine Herausforderung sein. Hier sind einige Tipps, wie man als Gesprächsleitung auf schwierige Situationen reagieren kann:

Es gibt verschiedenen Meinungen und die Gruppe kann auf keinen Vorschlag einigen. Wie unterstützt die Moderation die Gruppe dabei, einen Konsent zu erreichen?
Ein simples, aber effizientes Instrument ist, eine Art Probezeit für den Entscheid vorzuschlagen. Die Erinnerung daran, dass es um ein «Ausprobieren» geht und die Sicherheit, dass man jederzeit gegensteuern kann, führt zu einem bemerkenswerten «Weicherwerden» in starren Positionen. Und zum Mut, es mit einem Vorschlag zu versuchen, der nicht perfekt ist. Good enough for now – safe enough to try. Wenn viel Skepsis da ist: eher eine kurze Probezeit vorschlagen!

Geht es massgeblich um eine Person, welche schwerwiegende Einwände hat, kann die folgende Frage hilfreich sein: Was brauchst du, damit du dich auf diesen Vorschlag einlassen kannst? Oft kann die betreffende Person klare Anliegen benennen, welche dann in den Konsentvorschlag aufgenommen werden können.

Und wenn auch die Probezeit kein Aufweichen der Positionen bewirkt, weil die Meinungen so stark auseinandergehen?
Wenn Meinungen extrem weit auseinander liegen, ist es wichtig, den Punkt am Horizont im Auge zu behalten. Wenn sich in den Runden keine klare Richtung abzeichnet, kann die Moderatorin das gemeinsame Ziel des Kreises ansprechen. Das gemeinsame Ziel ist das, was die Gruppe verbindet. Wie sieht jede*r seine Meinung im Hinblick auf dieses gemeinsame Ziel? Was hat dann sinnvollerweise Vorrang? Dank dieser erweiterten Perspektive können die Mitglieder des Kreises die Informationen neu anordnen. Die Chance, dass sie zusammenarbeiten, steigt.

Was tun, wenn man als Moderation nicht mehr weiter weiss?
Die klassische Moderationsrolle gibt der Moderatorin viel Verantwortung: den Prozess steuern, Vorschläge machen, Lösungen finden. Das kann funktionieren, führt jedoch zu einer Aufgaben- und Machtballung, die die Fähigkeiten der Gruppe zu wenig berücksichtigt.
Im soziokratischen Modell ist die Moderation für den Ablauf der Entscheidungsfindung und die Einhaltung der Grundregeln verantwortlich – die Verantwortung, eine gute Lösung zu finden, liegt jedoch bei der Gruppe. Als Moderation empfiehlt es sich daher, die Verantwortung immer wieder explizit der Gruppe zurückzugeben. Weiss man als Moderation nicht, wie es weitergehen soll, ist die Fragestellung unklar oder der Konsentvorschlag konfus? Es lohnt sich, die Frage in den Kreis zu geben und eine Meinungsbildungsrunde zu machen. Vielleicht haben die Kreismitglieder ja eine bessere Idee, als man selbst je gehabt hätte?
Es erleichtert nicht nur die Moderation, wenn sie nicht die ganze Last der Verantwortung trägt, sondern aktiviert auch die Gruppenmitglieder. Sie können nicht einfach in einer passiven Rolle verharren, sondern können und sollen sich alle für das Gelingen der Sitzung und das Finden von Lösungen einsetzen.

Eine geschützte Lernatmosphäre kann dabei helfen, das soziokratische Moderieren zu üben. Eine solche Gelegenheit bietet der Lernkreis Soziokratische Gesprächsleitung, auf dem auch die in diesem Artikel beschriebenen Erfahrungen basieren. In einer kleinen Gruppe und an regelmässigen Treffen können eigene Themen eingebracht und die Fähigkeiten als Moderator*in ausprobiert und mit fachlicher Begleitung vertieft werden.