1957 erscheint Kees Boeke’s Buch „Cosmic View“. Sein Inhalt: Das Universum, dargestellt in vierzig Skalierungssprüngen. Kees Boeke’s Buch bildet später die Grundlage des berühmten Films „Powers of Ten“ (1977) von Charles und Ray Eames – und beeinflusst die Entwicklung der Soziokratie massgeblich. Das Buch beginnt mit dem Bild eines kleinen Mädchens im Massstab 1:10. Das nächste Bild zeigte dieses Mädchen auf dem Schulhof sitzend im Massstab 1/100. Weil auch jedes nachfolgende Bild in einem zehnfach kleineren Massstab gezeigt wird, sehen wir bereits im 8. Bild die gesamte Erde. Das 14. Bild zeigt das gesamte Sonnensystem und schon das 22. Bild umfasst die gesamte Milchstrasse.

Der Begründer und Pionier der Soziokratischen Kreisorganisations-Methode (SKM), Gerard Endenburg, besucht als Kind Kees Boeke’s Schule und wird dabei auch mit Boeke’s Erkenntnissen im Bereich der Hierarchie konfrontiert. Das Verständnis von Hierarchie, das Endenburg von dort übernimmt, beinhaltet eine Abfolge von Abstraktionsebenen. Während im Film „Powers of Ten“ diese Abfolge von einem Kohlenstoffatom bis zum gesamten Universum reicht, müssen in einer Governance-Situation nicht so umfangreiche Grössenordnungen abgebildet werden. In der öffentlichen Verwaltung verläuft die typische Hierarchie der Abstraktions- und Verantwortlichkeitsebenen von der individuellen und nachbarschaftlichen bis zur regionalen und nationalen Ebene. In Unternehmen kann man sich diese Abstraktions- und Verantwortlichkeitshierarchie als eine Sequenz vorstellen, die zum Beispiel die Ebenen der betrieblichen Kern- und Unterstützungsprozesse, die operativen Leitungsebenen und die strategische Leitung umfasst.

Nehmen wir das in soziokratischen Zusammenhängen gerne verwendete Radfahrer*innen-Beispiel: Angenommen, ein sehr grosser und schwerer Anhänger soll transportiert werden. Dann werden viele Radfahrer*innen benötigt, um ihn zu ziehen. Jetzt wird Soziokratische Hierarchie als effiziente Form des Umgangs mit Komplexität nützlich, um die kollektive Anstrengung zu organisieren und zu lenken. Es bleibt zwar wichtig, dass die Grenzen, unter denen jeder einzelne Radfahrer*in operiert, individuell akzeptabel sind, doch muss auch effizient geklärt werden, wer bei grösseren Schlaglöchern, je nach Wetter- und Verkehrsbedingungen sowie körperlicher Fitness der einzelnen Radfahrer*innen etc. über die Anpassung des Kurses und der Geschwindigkeit der gemeinsamen Unternehmung usw. entscheidet. Mit anderen Worten, es bedarf einer klaren und eindeutigen Abfolge bzw. Hierarchie in Bezug auf die verschiedenen Abstraktions- und Verantwortlichkeitsebenen, damit die Vielzahl von Signalen und Daten, die von mindestens einem teilnehmenden Radfahrer*in wahrgenommen wird, effizient gefiltert, ausgewählt, bewertet und in zielgerichtete Aktionen umgesetzt werden kann.

Hierarchie im soziokratischen Verständnis ist also ein Mittel, um mit komplexen Zielverwirklichungsprozessen in Organisationen und Gesellschaft angemessen umgehen zu können. Nicht weniger und nicht mehr.

Übrigens: Wenn Sie die Besonderheit der Sociocratic Governance genauer kennenlernen wollen, schauen Sie doch in der Konferenzwerkstatt Sociocratic Governance vorbei.

gekürzt und leicht modifiziert nach Annewiek Reijmer & Sjoerd Romme, White paper – Version 4.0 (Dezember 2019)