„Diskutierst Du noch oder entscheidest Du schon?“ – Einblicke in eine andere Welt

Zürich, Frühjahr 2019. Ein Dutzend Menschen in konzentrierter Lernatmosphäre. NPOs & Wirtschaft, Studierende & Führungskräfte, Männer & Frauen, Anfang 20 & Mitte 60. Ein Diversity-ManagementSeminar? Eigentlich nicht – oder doch?

 

Bereits die Infrastruktur beim SIB, dem Schweizerischen Institut für Betriebswirtschaft, ist eindrucksvoll. Hypermodern eingerichtete Bildungsräume, flexibel situativ anpassbar, ganz im Sinne einer Kultur effektiven Entscheidens. Dass die spannende Mischung der Teilnehmenden dann wirklich an zwei Tagen produktiv zusammenarbeitet und lernt, entspricht ganz dem Geist der Soziokratie: Spannungen dürfen und sollen sein.

Wenn einige Teilnehmende Sitzungserfolg an maximaler Geschwindigkeit messen und andere sich Zeit nehmen wollen für perfekte Lösungen, dann kommt der soziokratischen Moderation (Gesprächsleitung) eine entscheidende Aufgabe zu: Helfen zu verstehen und damit zu argumentieren, was die Spannung ausmacht. Das gegenseitige Verstehen der Unterschiedlichkeit fördert Schritt für Schritt die Offenheit und Bereitschaft, nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.

Plötzlich werden divergierende Anregungen aufgenommen und weiterentwickelt. Wessen Idee es war, spielt keine Rolle mehr. Es wird greifbar im Raum: Hier passiert etwas, hier wirkt eine Atmosphäre gemeinsamer Verantwortung, ein Geist wirklicher Kooperation. Manche erleben eine beinahe „magische Befreiung“, eine Erleichterung und Freude, wenn sie merken, es geht nicht mehr darum, eigene Punkte durchbringen zu müssen. Da ist der ehemaliger Nationaltrainer, dem soziokratisch gelingt, der eingebrochenen Teamleistung nicht mittels der Weitergabe der üblichen Vorwürfe von außen und dem Härter-Trainieren-genügt zu begegnen, sondern alle Teammitglieder in eine gemeinsame Verantwortung zu bringen.

Da ist der IT-Berater, der soziokratisch andere Möglichkeiten sieht, wenn in einem Kooperationsverband von Bildungsträgern der grössere Partner geneigt ist, den kleineren sein digitales Lernsystem einfach überzustülpen.

Und da gibt es beliebte Fallgruben: Moderatoren und Moderatorinnen, die zu sehr in Verantwortung für den Inhalt gehen. Leitende, die merken, auf einsame Entscheidungen zu verzichten heisst noch nicht, einen Konsent zu erreichen usw.

​Am Ende der beiden Tage bleibt neben der Begeisterung auch die Erkenntnis, dass es nicht so einfach ist. Es braucht Schulung, es braucht Übung. Sonst wären die beiden Tage anders verlaufen…