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Mit Soziokratie zu mehr Mitbestimmung in der Familie

Morgenstress: Ein bekanntes Phänomen für Eltern mit kleinen Kindern. «Iss dein Sandwich!» «Zieh deine Schuhe an!» «Beeile dich, sonst kommst du zu spät!» sind Beispiele, die wir alle kennen.

Eines Tages beschloss Sarah Höner, das nicht mehr zu tun. Dies hatte erhebliche Konsequenzen.

«Mein älterer Sohn muss um halb neun in der Schule sein», sagt Sarah Höner (39). «Das hat uns beide jeden Morgen gestresst. Ich musste Seamus, der 6 Jahre alt ist, die ganze Zeit hinterherlaufen, um pünktlich zu sein. Ich war erschöpft, bevor der Tag richtig begonnen hat.»

Sarahs jüngerer Sohn Luuk besucht De School, eine soziokratisch organisierte Grundschule in den Niederlanden. Hier entscheiden Kinder ab dem vierten Lebensjahr erfolgreich über ihre eigene Entwicklung mit. Sie arbeiten in einer soziokratischen Entscheidungsstruktur, gemeinsam mit den Lehrer*innen und Eltern. Sie machen Kreisversammlungen, Entscheidungen werden im Konsent getroffen und es finden offene Wahlen statt. 

Um herauszufinden, wie man diese Methoden auch zu Hause nutzt, hat De School in Zusammenarbeit mit dem Sociocratisch Centrum Nederland das Seminar «Jede Stimme zählt» für interessierte Eltern angeboten.

Auch Sarah Höner hat am Seminar teilgenommen. Die Schulung zum Thema Soziokratie und Elternschaft brachte sie auf die Idee, das Thema «Morgenstress» mal anders anzugehen. Weniger «tu dies» und «tu das». Und mehr Verantwortung für ihren Sohn. Sie sagt: «Eines Tages habe ich einfach losgelassen.»

Das Ergebnis: Seamus war zehn Minuten zu spät. Der Lehrer fragte, ob er verschlafen habe. «Er hat sich geschämt», sagt Sarah Höner. «Seitdem hat er am Morgen nicht mehr getrödelt. Ich glaube, weil er die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen gespürt hat und sie ihm nicht gefielen.»

Was genau hat Sarah Höner anders gemacht? Sie machte ihren Sohn mitverantwortlich für die Pünktlichkeit. Sie gab ihm Unabhängigkeit. Dadurch lernte er mehr, als wenn sie ihm sagte, was er zu tun hatte, und ihr gemeinsames Morgenritual wurde sehr viel weniger stressig.

«Das Seminar hat mich auf die Idee gebracht», sagt sie. «Das war ein Augenöffner. Ich habe gemerkt, dass ich als Elternteil ziemlich direktiv bin. Das führt bei den Kindern zu Frustration. Kraft erzeugt Widerstand. Jetzt denke ich: Wir müssen uns zusammensetzen und Vereinbarungen treffen.»


Kampf um die Bildschirmzeit

Das Thema Bildschirmzeit ist in vielen Familien ein heisses Thema, so auch in der von Jan-Willem te Gussinklo (44). Auch er hat das Seminar besucht. «Wenn unsere Tochter ferngesehen hat», sagt er, «haben meine Freundin oder ich irgendwann gesagt: Das war’s. Sarah, sie ist 7, wollte immer noch länger schauen und wir führten immer wieder dieselbe Diskussion. Es war schrecklich ermüdend.»

In einem ruhigen Moment begannen sie darüber zu sprechen. «Es stellte sich heraus, dass Sarah nicht verstand, wie lange sie fernsehen konnte», sagt Te Gussinklo. «Es war jedes Mal anders. Wie lange hielten wir alle für angemessen? Wir haben uns für eine halbe Stunde pro Tag und eineinhalb Stunden pro Tag am Wochenende entschieden.» Es funktioniert gut. Te Gussinklo und seine Freundin haben auch eine Vereinbarung getroffen: Sie verbringen unter der Woche weniger Zeit am Handy.


Wo zieht man die Grenze?

Können Sie mit Ihren Kindern wirklich alles soziokratisch entscheiden? Kann ein Kleinkind allein mit dem Fahrrad durch den dichten Verkehr zum Strand fahren? Kann die Tochter ohne Schwimmflossen ins Meer gehen, wenn sie noch nicht gut schwimmen kann? Jan-Willem te Gussinklo: «Wo zieht man als Elternteil die Grenze? Darüber wurde im Seminar viel diskutiert.»

Wichtig dabei ist: Sie legen diese Grenze gemeinsam fest. Das bedeutet nicht, dass Ihr Kind alle Freiheiten hat und Sie als Erwachsener nur zuschauen. Die Argumente der Eltern sind genauso wertvoll wie die des Nachwuchses. Der Plan eines unternehmungslustigen Kleinkindes, mit dem Fahrrad zum Strand zu fahren, wird also nicht genehmigt. Da müssen Sie eine andere Lösung finden.

Jan-Willem te Gussinklo mit Tochter Sarah (7)


Mehr Frieden durch andere Vereinbarungen

Sarah Höner: «Man hört oft, dass Kinder nicht wissen, was gut für sie ist. Es stimmt, dass sie Dinge wie die Sicherheit nicht immer beurteilen können. Oder was gesund zu essen ist. Aber sie wissen auf ihre Weise, was gut für sie ist. Dank dem Seminar höre ich ihnen mehr zu.»

Auch Jan-Willem te Gussinklo fand Griffe für eine «weniger direktive» Art der Erziehung: «Wir wollten vom Gehorsam zum Bewusstsein übergehen. Jeden Sonntagmorgen, der ruhigsten Zeit der Woche, finden jetzt in der Familie Kreisversammlungen statt. Sarah möchte sie so kurz wie möglich halten, also gehen sie nur 20 Minuten. Te Gussinklo: «Die Treffen sind ein sicherer Ort zum Reden.» Die gemeinsame Beratung hat einer Reihe von immer wiederkehrenden Diskussionen und Streitereien ein Ende gesetzt.

Sarah Höner mit ihren Söhnen Seamus (6) und Luuk (4)


«Eltern und Kinder sind gleichwertig, aber nicht gleich.»

Für Sarah Höner hatte das Seminar eine grosse Wirkung. «Ich hatte nicht erwartet, dass es mich so verändert», sagt sie. «Es half mir zu verstehen, wie die Dinge mit einem Kind funktionieren. Dass man als Elternteil und Kind zwar gleichwertig, aber nicht gleich ist, das war eine echte Erkenntnis. Wenn Sie Ihre Kinder als gleichberechtigt betrachten und ihre Argumente ernst nehmen, wächst ihr Selbstvertrauen.»

Übersetzter und leicht modifizierter Artikel von TSG Sociocratisch Centrum Nederland

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